22.3.2020
Ich melde mich zurück. Aus Deutschland. Die Corona-Pandemie hat auch mir einen Strich durch die Rechnung gemacht und ich musste meine Reise vorzeitig abbrechen. Schade, ich wäre sehr gerne länger geblieben. Die Abreise war aber die richtige Entscheidung. Ab heute sind alle Flüge von und nach Indien gestrichen. Außerdem hat die Regierung eine nationale Ausgangssperre verhängt. Das wäre kein Spaß gewesen.
Der frühzeitige Abbruch bedeutet natürlich Kompromisse. Unter Hochdruck habe ich mit dem Team von Laya die letzte Woche noch die Interviews stichwortartig übersetzt. Die Passagen, die Wort zu Wort übersetzt werden sollen, müssen wir jetzt über Mailkontakt festlegen. Am ärgerlichsten ist jedoch, dass mir die Chance verwehrt bleibt, nochmal nach Jamiguda zu fahren und einzelne Sequenzen und weitere Interviews zu drehen. Ich bin aber zuversichtlich, dass ich gutes Material zusammen bekommen habe.
Freitag morgen habe ich Vanantaram verlassen. Von Rajahmundry bin ich über Bengalore nach Amsterdam und weiter nach Stuttgart geflogen. Anstrengende 36 Stunden, aber einer der letzten Möglichkeiten, aus Indien zu kommen. Ab heute bekommen Flüge von außerhalb keine Landeerlaubnis mehr. Knappe Kiste.
Die Wiedervereinigung mit meiner Familie war dafür umso schöner! Ich bin froh, diese Zeit jetzt mit ihnen verbringen zu können. Die Pizza meines Vaters war ein Welcome-Comfort-Food aus dem Grill...
Ich denke an alle, die alleine sind.
16.3.2020
Auf dem Tagesplan waren heute Interviews und eine vierstündige Reise zurück nach Vanantaram.
Ein Interview habe ich mit Dr. Nafisa D'Souza geführt, sie hat mit ihrem Ehemann 1986 Laya gegründet. Laya ist auch für die Heilpraktikerausbildung von Bheemanna zuständig, sie stellt außerdem die Infrastruktur und Kontaktpersonen für diesen Dreh. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. "Laya" ist Telugu und bedeutet Rhythmus. Rhythmus, so Nafisa, weil die ethnische Gruppe der Adivasi in ihrem ganz eigenen Takt lebt. Das Zeitgefühl ist in den Dörfern ganz anders, die Natur gibt den Tag vor. Niemand denkt über den folgenden Tag nach. Es gibt die Begriffe Arbeit oder Freizeit nicht. Jeder macht das was er tun muss aus einer Selbstverständlichkeit heraus. Man hat keine Wahl und ist damit glücklich. Das Miteinander ist anders, die Empathie, das Verständis von Eigentum ist anders. Laya setzt an diesem außergewöhnlichen Rhythmus an und macht Entwicklungsarbeit, die die Kultur und das Identitätsgefühl der Adivasi stärkt. Einflüsse von Außen, vor allem während des letzten Jahrhunderts, haben die Lebensgrundlage der Adivasi extrem eingeschränkt und sie zu Veränderung gezwungen. Viele Aspekte spielen hier eine Rolle. Es war aber sehr interessant mit Nafisa hinter die Kulissen von Laya zu schauen, über die Motivation und die Grundgedanken hinter Laya zu sprechen. 
Jetzt bin ich im wunderschönen Vanantaram, die Ruhe, die dieser Ort ausstrahlt ist wunderbar. Mitten im grünen Dschungel gelegen. Ein Rückzugsort. Mit Sicherheit bin ich hier vor dem Virus am sichersten, auf eine unbestimmte Zeit hier festzusitzen kann ich mir dann aber doch nicht vorstellen. Ich bin hier um die Übersetzung der Interviews aus Jamiguda zu beginnen. Noch habe ich keine Rückmeldung von der Fluggesellschaft, bis dahin mache ich also unbeirrt weiter. Verrückte Zeiten.
Heute mal wieder ein kleines Update zu meiner aktuellen Situation. Auch wenn es hier in Visakhapatnam, immerhin knapp zwei Millionen Einwohner, noch keine Corona Fälle gab, ist ja, wie ihr wisst, der Flugverkehr ziemlich betroffen. Die letzten Wochen war ich noch ziemlich entspannt was das betrifft, aber die Möglichkeit hier stecken zu bleiben, wird immer größer.
Der ursprüngliche Plan war, am 8. April mit den Arbeiten in Indien fertig zu sein und anschließend nach Nepal zu fliegen, um mit meiner Freundin zwei Wochen touristischen Dingen nachzugehen. Schon am 3. März stellte Nepal aber einige Einreisesperren für bestimmte Länder auf. Am 9. kam auch Deutschland dazu. Trotz meines langen Aufenthaltes in Indien würde mir die Einreise nach Kathmandu also verwehrt bleiben. Sehr schade und ärgerlich - aber nun gut. In den letzten Tagen sehe ich, wie immer mehr Fluggesellschaften Flüge streichen. Und auch Air India, die Airline meiner Wahl, hat bekannt gegeben, alle Flüge nach Europa bis mindestens zum 30. April zu streichen. Der Perspektive schaue ich, so schön es hier auch ist, nicht so begeistert entgegen. Vor allem gehe ich davon aus, dass bis dahin die Ausbreitung noch nicht ihren Wendepunkt erreicht hat. Heute  habe ich also die Umbuchung meines Fluges eingeleitet. Hoffen wir, dass ich es noch vor dem Shutdown rausschaffe. Das ist sehr frustrierend, weil natürlich meine Reisepläne vorerst abgesagt sind, aber vor allem, weil sich die Situation täglich ändert und Air India nur sehr spärlich und kurzfristig informiert . Wie dem auch sei. Ich kann meine Tage hier sehr genießen. Ich bin umgeben von netten, interessanten Menschen und es gibt immer etwas zu lachen. Heute Abend habe ich einen Ausflug an den berühmten Strand von Vizag gemacht, zentral gelegen und proppenvoll. Trotz sehr warmer Temperatur am Abend waren nur wenige im Wasser. Jetzt bin ich im Hotel und packe alles. Morgen geht es wieder nach Vanantaram für die Übersetzung der Interviews. Ich mache also wie geplant weiter, nur mit einem frühzeitigen Abbruch muss ich eben rechnen. In Deutschland bekommt man die Einschränkungen im öffentlichen Leben ja schon wesentlich heftiger zu spüren. Hoffen wir, dass das bald und möglichst glimpflich vorübergeht. Ich hoffe euch allen geht es gut! Liebe Grüße
Sonnenaufgang

Am letzten Donnerstagmorgen sind Teja, der Fahrer und ich um 4:30 Uhr aufgestanden. Ich wollte den Sonnenaufgang über den Wolken erleben. Mitten im Nebel fahren wir los. Auch als wir um 5:20 Uhr in Jamiguda ankommen, ist noch der ganze Ort in dichten Wolken. Wir wissen aber, dass nur ein paar Meter über uns  das Wolkendickicht aufhört und uns eine hoffentlich klare Sicht erwartet. Im Dorf sind die meisten schon wach. Auf spontane Einladung begleiten uns Bheemanna und Savalinga, was sich auch als notwendig herausstellt. Im dichten Nebel hätten wir den Pfad Richtung Bergkamm sicher nicht so schnell gefunden.
Nach ein paar Minuten schon beginnen sich durch die Wolkendecke die Umrisse einer Bergsilhouette abzuzeichnen. Und der Nebel wird immer mehr zu definierbaren Nebelschwaden, die langsam mit uns den Berg hochwandern. Je höher wir steigen, umso besser erkennen wir das Wolkenmeer, aus dem wir kommen. Allein schon diesen Anblick finde ich atemberaubend. Langsam färbt sich aber der Himmel schon rosa und ich mahne dazu, sich zu beeilen. Teja in FlipFlops, ich zum Glück in festen Schuhen hasten wir uns mit den anderen beiden den Berg hinauf.
Oben angekommen, richte ich so schnell wie möglich mein Kameraequipment ein. Dann heißt es erstmal durchatmen. Den Ausblick genießen. Ein Wolkenmeer um uns, aus dem überall kleine Berginseln auftauchen. Langsam ebbt das Meer hin und her, verschlingt kleine Gipfel und gibt sie wieder frei. Ein wunderschönes Schauspiel. Langsam steigt ein dunkelroter Punkt hinter einer weit entfernten Bergkette auf.
Während Teja und ich die Landschaft bewundern, sind Savalinga und Bheemanna schon dabei,  Samen zu ernten. Große Schoten, dessen Früchte man kochen und essen kann. Alle sind ziemlich hungrig; zum Glück habe ich vorsorglich aus Deutschland ein paar Kalorienriegel mitgebracht. Die sind jetzt genau das Richtige und auch Bheemanna und Savalinga freuen sich über die fremde, süße Aufmerksamkeit.
Als die Sonne schon etwas höher steht, treten wir den Rückzug an. Die Wolkendecke hat sich aber nur wenig aufgelöst. Meistens passiert das hier erst gegen 11-12. Unten angekommen, wartet ein richtiges Frühstück auf uns. Idli, Baji und unterschiedliche Chuntneys. Ein sehr schöner Morgen, der uns alle ein weiteres Mal etwas näher gebracht hat :)
Feierabend
Wer denkt, dass man bei einem Leben in Autarkie auf sein Feierabendbier verzichten muss, der liegt falsch. Schon am zweiten Tag hatte ich das Vergnügen, etwas "JK" kosten zu dürfen. Frisch gezapft. Aus der Palme. Kein Spaß. An dem Zeitpunkt war mir die Besonderheit dieses weißen Getränks noch gar nicht bewusst. Es schmeckte aber! Tatsächlich ein wenig wie Bier, aber mit der Säure von Weißwein. Gesund soll es auch sein. Der Geschmack ändere sich in den Stunden, nachdem es gezapft wird. Und tatsächlich, als wir am letzten Abend in Jamiguda nochmal auf einen kleinen Umtrunk eingeladen werden, war der Geschmack wesentlich herber.
Jetzt habe ich mich endlich ein wenig erkundigt, was dieses Zeug überhaupt ist und woher es kommt. Palmwein, der deutsche Begriff, wird aus verschiedenen Palmensorten gewonnen. Der zuckerreiche Saft aus dem Stamm oder den Blüten beginnt sofort nach Abzapfung zu gären. Nach zwei Stunden hat der Wein einen Alkoholgehalt von ca. 2%. Nach einem Tag der Gärung entsteht allerdings nicht mehr Alkohol, sondern er schlägt zu Essig um. Wer einmal die Chance hat, frischen Palmwein zu probieren sollte das tun:) Wieder mal bin ich verblüfft, wie viel die Dorfbewohner aus ihrer direkten Natur holen. Nachhaltigkeit ist hier Selbstverständlichkeit. Wenn sie ihre Natur ausbeuten, ist für sie selbst am Ende auch nichts da.
In Visakhapatnam habe ich gesehen, wie hier der Palmwein geerntet wird. Auf dem Bild nur schwer zu erkennen, aber nach Anschneiden des Baumes wird ein Behälter darunter befestigt, der den Saft auffängt. Auch hier gibt es viele Straßenstände, die den Wein verkaufen.
Fremdwort Rente
Eine Person aus Jamiguda bewundere ich besonders. Wenn ich durch das kleine Dorf gehe und auf die Felder schaue, gibt es einige, die unablässig arbeiten. Unermüdlich, von früh bis spät. Einer davon ist Bheemannas Vater. Voller Lebensfreude und immer gesprächsbereit, sieht man ihn morgens als erstes die Kälber aus den Ställen treiben oder anderen Dorbewohnern bei Kleinigkeiten helfen.
So weit, so gut. Buddya ist 90! Das Geheimrezept für so viel Fitness ist die Ernährung, verraten mir die Dorfbewohner. Vor 70 Jahren wurden hier anscheinend nur lokale Früchte und Gemüse angebaut. Mittlerweile wurde vieles ersetzt und auch genmanipulierte Samen finden ihren Platz. Das setze der Gesundheit zu. Wie viel davon wahr ist, lässt sich wahrscheinlich nur schwer bestimmen. Bewundernswert ist die Gesundheit von Budayya trotz lebenslanger Schwerstarbeit aber allemal! Der Hosenlose-Look schließt übrigens auf die viele Arbeit in den Reisfeldern. Wenn man bis zu den Knien durch den Schlamm watet, ist eine Hose kontraproduktiv.
Auch seine Frau, Bheemannas Mutter, hilft mit 84 noch fleißig auf dem Feld mit. Vielen sieht man trotzdem die körperliche Arbeit unter der Sonne an. Ein Leben lang arbeiten sie gebückt auf den Reisfeldern. Und trotzdem schenken mir alle ein Lächeln. Dieser Eindruck hat mich sehr nachdenklich gestimmt. Macht mich eine Welt, die mir scheinbar grenzenlos offen steht, glücklicher? So seltsam es auch klingen mag: Kann eine Alternativlosigkeit glücklicher machen? Die Menschen hier akzeptieren ihre Arbeit. Und sie scheinen sehr zufrieden zu sein und in sich zu ruhen.
Fernsehen und Smartphones sind aber auch hier, vor allem bei der Jugend, angekommen. Das eröffnet eine neue glänzende Welt, die viele von der eigenen, einzigartigen Kultur distanziert. Darüber möchte ich ein anderes Mal berichten.
Honig aus dem Berg
Am ersten Tag in Jamiguda steht Honig auf dem Speiseplan. Honig? Ja. Inklusive Ernte. Wie das genau aussehen würde, wusste ich auch nicht. Unsicher was mich erwarten würde, klettern wir etwas außerhalb des Dorfes einen Hang hinunter. Nach einer Weile fängt einer der Dorfbewohner unter einem Stein an zu graben. Sandbienen also. Keine Ahnung, wie sie den Nistplatz gefunden haben. Dann hören wir sie. Erst leise, dann immer lauter. Und plötzlich ist die ganze Luft erfüllt mit ihnen. Ich, mit großem Respekt vor Bienen, habe die Lippen aufeinander gepresst und die Augen zusammengekniffen und halte gebührenden Abstand. Furchtlos greift der Mann tief unter den Stein und holt langsam die erste dicke Wabe heraus. Das Summen ist zu einem richtigen Getose geworden. Nach und nach traue ich mich auch näher heran. Ich frage später, wieso keiner gestochen wurde. Anscheinend verteidigen Sandbienen ihre Nester nicht und setzen ihre Stachel nur in größter Gefahr ein.
Als alle Waben geplündert sind, wird mir stolz die Ausbeute gezeigt. Wir probieren auch gleich ein wenig. Sehr lecker! So frischen Wildblütenhonig gibt es nirgendwo zu kaufen!

10.3.2020
Der aktuelle Stand
Es ist Dienstag. Ich bin in Vishakapatnam.
Die letzte Woche war unbeschreiblich schön, einzigartig, besinnlich, unvergesslich. So viele Eindrücke. Ich bin dankbar, für die Möglichkeit, dieser Kultur so nahe kommen zu können.
Diese Woche war auch sehr anstrengend. Oft sind wir um 4:30 Uhr aufgestanden, um noch vor Sonnenaufgang über den Wolken auf dem Berg zu sein. Wunderschön! Nach einem 16 Stunden-Tag hatte ich nicht noch die Energie, bei spärlichem Internet, Bilder und Texte hochzuladen. Das will ich nachholen und in kleinen Episoden aus den letzten Tagen meine Woche beschreiben.
In Vishakapatnam habe ich jetzt eine Woche Zeit, das Material zu sichten und Interview-Ausschnitte zur Übersetzung herauszusuchen. Nächsten Montag bin ich dann nochmal eine Woche in Vanantaram und werde dort die Übersetzung begleiten.
Zum Abschluss des Beitrags möchte ich euch mein kleines Video-Team vorstellen, dass mich die Woche in Jamiguda begleitet hat:
-Divya, meine Übersetzerin. Riesen Hilfe, zweites Gedächtnis und Kommunikationsbrücke. Sie habt ihr ja schon im Post vom 29.2. besser kennengelernt.
-Teja, Kameraassistent. Immer da wenn man ihn braucht, technisch interessiert und begabt und lustiger Weggefährte.
-Und natürlich unser Fahrer, Babu! Hat uns und das Equipment überall sicher hingebracht. Im Nebel, inmitten der Nacht den Berg hoch... Erste Klasse!

2.-4.3.2020
Die letzten Tage kann ich nur kurz zusammenfassen. Ich habe leider nur spärlich Internet und das Bearbeiten und Hochladen von Fotos und Texten ist sehr zeitaufwändig, und vor allem durch die mangelnde Konnektivität extrem verlangsamt.
Ich begleite die Menschen im Dorf durch ihren Tag und versuche, verschiedene Aspekte besonders zu beleuchten. Ein Highlight war ein kleines Tanz-  und Musikfest, das spontan veranstaltet wurde. Trommeln und alte Gesänge hallten durch das ganze Tal und ich war gefangen von der unbeschreiblichen Energie und dem Gefühl, das diesen Tänzen entspringt. Ich bin außerdem von der Architektur und überall auftauchenden Details  fasziniert. Alles Handarbeit und irgendwie genial. Die Zäune und Tore, gebunden aus Bambus und totem Gestrüpp. Kürbisse, die für längere Haltbarkeit in den Bäumen hängen und alles hat eine Bedeutung und einen Nutzen.
Ich hoffe, meine Bilder und Texte verlassen den Laptop und erreichen euch. Es gibt noch viel zu erzählen und zu zeigen! Seid gespannt auf Weiteres ;)
1.3.2020
Der erste Tag in Jamiguda (dem Heimatdorf von Bheemanna).
Wie gespannt war ich auf der Fahrt dorthin! Als der Landcruiser von der befestigten Straße abfährt und wir vor einer 60 Grad Steigung am Berg stehen, weiß ich: Hier schaffen es nur wenige Fahrzeuge hoch.
20 Minuten und etwa 400 Höhenmeter später sehen wir die ersten Häuser von Jamiguda. Geborgen zwischen zwei Bergkämmen liegt es an einem Hang. 16 Häuser aus Lehm und ein paar Vieh-Unterstände aus Baumstämmen. Etwas südlich vom Dorf entspringt eine Quelle aus dem Berg. Sie versorgt die vielen Reisfelder, die die Bewohner bebauen. So, dass sogar zwei Ernten im Jahr möglich sind. Eine Idylle, die aber auch nicht vom Plastikmüll verschont geblieben ist. Das Dorf ist sauber, aber an den Rändern sammeln sich kleine Plastikhäufchen. Aber das fällt nur mir auf.
Endlich treffe ich auch Bheemanna und seine Familie. Er hat zwei Söhne und eine Tochter.  Auch seine Eltern und die Verwandtschaft leben im Dorf oder in nahegelegenen Dörfern.
Es gehen mir unendlich viele Gedanken durch den Kopf. Die Lebensweise hier im Dorf ist mir so neu und auch faszinierend. Hier ist das Verhältnis Mensch und Natur so direkt, einfach und verständlich. Die Abhängigkeit des Menschen von der Natur wird mir hier fast schon brutal vor Augen geführt. Es gibt kein Gleichgewicht. Wir sind abhängig.
29.2.2020
Heute war Reisetag. Von Vanantaram ging es weiter nördlich, tiefer in die Berge. Für 180 km haben wir 5 Stunden gebraucht. In dieser Zeit konnte ich lange mit Divya, meiner Übersetzerin, reden. Sie kommt aus Yegulavada, einem Dorf mit 100 Haushalten und wurde beim Stamm der Savara geboren. Sie ist also auch Adivasi.
Mit drei Jahren wurde sie von ihren Eltern auf das Monfort-Internat in das 50 km entfernte Gopalapuram geschickt.
Das Internat ist eine christlich geführte Einrichtung, 500 Adivasi-Kinder bekommen hier kostenlose Bildung und Unterkunft. Seitdem sieht sie ihre Eltern nur drei Mal während der Ferien.
Nach der Schule hat sie eine Ausbildung in einer Augenklinik gemacht. Jetzt ist Divya 22 Jahre alt und hat im letzten Jahr auch die Heilpraktikerausbildung in Vanantaram begonnen. Sie baut gerade im Monfort-Internat eine Heilpflanzen-Praxis für die Kinder auf.
Divya ist die älteste von drei Geschwistern. Ihre Geschichte hat mich sehr berührt. Ihre Eltern sind arm und wie viele der älteren Adivasi-Generationen ungebildet. Als einzige Geldverdienerin in der Familie muss sie für alle Kosten der Familie aufkommen: Lebensmittel, die ihre Familie nicht selbst produzieren kann und auch die College-Kosten ihrer Schwester. Bei 50 Euro im Monat bleibt nichts für sie übrig. Sie leidet sehr unter dem Druck, alle Kosten ihrer Familie übernehmen zu müssen. Hinzu kommt noch, dass sie sich unglaublich für ihre Mitschüler einsetzt.
Ich möchte ungern zu persönlich werden. Aber was sie erzählt, hat mich sehr mitgenommen. Divya ist sehr stark und ich hoffe, dass sie durch ihre gute Bildung sich und den jungen Adivasi-Frauen, denen es ähnlich geht, eine Stimme verschaffen kann.
Nachmittags hatten wir noch Zeit für einen kleinen Ausflug in ein nahegelegenes Adivasi-Dorf. Technologie begeistert jung und alt.

28.2.2020
Heute habe ich Savitri (rechts im Bild) wiedergetroffen. Im Oktober beim Recherchedreh habe ich sie kennengelernt. In Vanantaram macht sie mit anderen jungen Landwirten eine Fortbildung zur nachhaltigen Landwirtschaft. Wir haben sie damals auf den Acker ihrer Familie begleitet. Nachhaltigkeit bedeutet hier, seine Familie ernähren zu können und keinen Schaden an der Umwelt anzurichten. Interessanterweise spielt wirtschaftlicher Profit keine Rolle. Das Konzept "Geld" verstehen viele nicht. Viele Adivasi-Familien in diesem Gebiet leben noch vollkommen autark.
Die Fortbildung kombiniert alte Bewirtschaftungsmethoden aus dem Wanderfeldbau und wendet diese auf feststehenden Äckern an. Feldwechsel sind aus Gründen des Platzmangels und der Waldschutzmaßnahmen der Regierung nicht mehr möglich. Um das landwirtschaftliche Thema geht es leider nicht in meinem Film, interessant finde ich es aber trotzdem:) Vielleicht gelingt das ja in einem nächsten Projekt.
Morgens hatte ich noch die Chance, einen traditionellen Tanz aufzunehmen. Das war schön! Ich hoffe, ich bekomme mehr solcher Möglichkeiten. Meine Bitte, ein paar "Behind the scenes" - Bilder zu machen, ist dagegen weniger erfolgreich gewesen...
Den Rest des Tages war es sehr heiß und es stand wenig auf dem Programm. Das gab mir Zeit, meine Gedanken zu sortieren und Aufnahmen zu sichern und sichten. Auch wichtig!
27.2.2020
Der Morgen beginnt mit einem wunderschönen Sonnenaufgang. Dann haben wir die Schüler verabschiedet. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir Swami, er lebt sehr religiös und traditionell und will alle alten Tänze und Lieder seiner Vorfahren bewahren. Ich hatte die Ehre, ein paar Gesänge von ihm aufnehmen zu können. Der Soundtrack zum Film ist also gesichert ;)
Vormittags waren wir dann bei einem traditionellen Heilpraktiker zu Besuch. Das Wissen wird von Generation zu Generation weitergegeben. Allerdings hat auch er eine Fortbildung gemacht, um sein Wissen zu erweitern.
Das Gesundheitswesen der Adivasi baut auf: traditionellen Heilpraktikern, staatlichen Krankenhäusern, privaten Allgemeinmedizinern und "neuen" "Community Health Practitioner". Es ist sehr interessant zu sehen, dass es bis auf die Privatmediziner unter den verschiedenen Angeboten eigentlich keine Konkurrenz gibt, sondern eher eine gute Zusammenarbeit. Darüber möchte ich gerne mehr erfahren.
26.2.2020
Die 9-tägige Trainingsphase der jungen Heilpraktiker hat heute aufgehört. In dieser Einheit ging es um die Herstellung vieler verschiedener Arten von Medizin.
Cremes gegen Gelenkschmerzen, Brandwunden, Husten aber auch Medizin gegen Fieber und Magen-Darm-Beschwerden.
Die Frauen und Männer kommen zum Teil aus Dörfern, die über 500 Kilometer entfernt sind. Zurück geht jeder mit einer Menge eigens hergestellter Medizin und vor allem dem Wissen, diese herzustellen und die jeweiligen Krankheiten zu diagnostizieren.

Es war sehr interessant, sich über Kultur auszutauschen. Viele erzählen mir, dass durch die Digitalisierung das Interesse an der eigenen Kultur verloren geht. Fernseher und Handy ersetzen soziale Interaktion bei vielen Jugendlichen. Die Bräuche der Mütter und Väter nehmen immer weniger Stellenwert ein. Dem wollen manche der jungen Heilpraktiker entgegenwirken und die Tänze und Lieder der Vorahnen lernen und bewusst verbreiten und feiern.
25.2.2020
Der erste Tag in meinem Projektgebiet geht zu Ende.
Begonnen hat er mit großartigem Essen, auf das ich in einem späteren BlogPost hoffentlich einmal eingehen kann.
Vormittags habe ich mit Siddharth, Bulliyya und Divya, meiner Übersetzerin, die nächsten Tage geplant. Ich werde noch ein paar Tage für Interviews und Stoffentwicklung in Vanantaram bleiben und am 28. nach Paderu reisen, wo ich Zeit im Heimatdorf von Bheemanna verbringen werde. Wie bei jedem Thema: Je mehr ich darüber erfahre, umso mehr Ebenen eröffnen sich mir. Es fällt mir schwer, mich zu entscheiden und das Kernthema des Films festzulegen. Ich würde sehr gerne auf die historischen Aspekte eingehen,  die Komplexität des Gesundheitswesen bei den Adivasi aber auch die Kultur interessieren mich sehr. Viele meiner Fragen sind abstrakt; die Beziehungsebene und die doppelte Sprachbarriere Deutsch - Englisch - Telugu machen die akkurate Kommunikation oft schwierig.
Gerade findet in Vanantaram die Ausbildung junger Heilpraktiker statt. Ich hatte etwas Zeit, mit den Auszubildenden zu reden und den Prozess der Medizinherstellung anzuschauen.
Leider habe ich sehr unregelmäßig Internet. Ich hoffe, dass ich euch trotzdem so regelmäßig wie möglich auf dem laufenden halten kann.
24.2.2020

Eine interessante Widersprüchlichkeit zwischen "meiner" westlichen und der indischen Kultur fällt mir im Flugzeug von Delhi nach Visakhapatnam auf. Es sind nur noch wenige Touristen an Bord. Hauptsächlich männliche Inder, die wahrscheinlich aus Arbeitsgründen von Delhi kommen.
Es ist ein kurzer Flug, es gibt aber einen kleinen Snack. Frittiertes Daal und ein Gebäck aus Blätterteig. Selbstverständlich greift der Inder rechts von mir mit der Hand ins Essen, während ich mich bemühe, mit dem beigefügten Holzbesteck die eigentlich mundgerechten Happen weiter zu zerkleinern. Ich komme mir blöd vor, aber ein Blick nach links zeigt, dass es mir die anderen Inder in der Reihe gleichtun. Auch der Mann zu meiner Rechten merkt, dass er in der Unterzahl ist. Also greift er verstohlen zur Gabel und nimmt den eigentlich viel umständlicheren Weg.
Essen ist ein Statussymbol. Derjenige, der weiß, mit Gabel und Messer umzugehen, hat einen höheren Sozialen Stand. Wieso steht der Mann zu meiner rechten nicht zu seiner Esskultur? Wenn selbst in diesem Gesellschaftskreis, im Flugzeug, die eigenen Traditionen nicht akzeptiert werden. Wie sieht es dann nur bei den Adivasi aus?

23.2.2020
Aufbruch.
Mit einem Rucksack, zwei Koffern und insgesamt 56 Kilogramm geht es los. Jetzt sitze ich im Zug nach Frankfurt. Um 21:30 Uhr geht der Flug nach Delhi.
Gestern habe ich mich wieder gefragt: Was mache ich hier eigentlich? Allein, einen Monat, in einem fremden Land, mit fremden Menschen. Wieso die Mühe, sich ein halbes Jahr vorzubereiten, um, wenn es gut läuft, einen 45-minütigen Dokumentarfilm zu drehen? Diese Grundsatzfragen kenne ich eigentlich gar nicht von mir. Da merke ich, wie dieses Projekt mich jetzt schon aus dem Gewohnten treibt. Aber eigentlich weiß ich auch, warum ich das mache. Mich treibt die Entdeckungslust, die Freude an fremden Kulturen und Menschen, am Geschichten erzählen. Ich bin dankbar, dass ich diese Möglichkeit bekomme.
Aufgeregt und voller Vorfreude.
16.2.2020
Heute habe ich mich mit Dr. Erhard Kropp in Titisee getroffen. Er ist international anerkannter Entwicklungsökonom und im Vorstand von Ashakiran. Wir haben über verschiedene Methoden der Entwicklungshilfe gesprochen. außerdem hat er die Projekte, die ich begleiten werde, intensiv studiert. Er spricht von "Entwicklung von unten". Mein Protagonist Korra macht genau das. Er setzt an traditionellen Verfahren an und erweitert und verbessert diese durch wissenschaftliche Erkenntnisse.
Nur so kann Entwicklungshilfe auch auf menschlicher Ebene funktionieren. Westliche Medizin wird vielerorts als "Wundermittel" vermarktet und benutzt. Es gibt aber wenig Fachwissen über die richtige Anwendung der Mittel, was unzählige Probleme mit sich bringt, aber nur selten eine optimale Genesung. Korras Medizin kommt aus den heimischen Pflanzen und ist auch in den Grundprinzipien fest verankert in der tribalen Kultur. Er gibt das einfach verständliche, aber wertvolle Wissen weiter. Hilfe zur Selbst-Hilfe oder eben "Entwicklung von unten" ist hier das Stichwort.
Dr. Erhard Kropp hat auch lange Feldforschung in Indien betrieben. Seine Erkenntnisse und Erfahrungen sind sehr wertvoll für mich. Um im Film ein authentisches Portrait der tribalen Dörfer zu zeigen, muss ich vor allem Vertrauen zu den Einheimischen aufbauen.
7 Tage bis zum Abflug.
10.2.2020
Heute startet die Crowdfunding-Kampagne. Ich bin aufgeregt. In nur zwei Wochen beginnt meine Reise und trotz monatelanger Planung weiß ich ja doch nicht so genau, was mich erwartet!
Es ist goldwert, im Oktober schon für den Recherchedreh vor Ort gewesen zu sein. Ich habe die netten Menschen schon kennengelernt, mit denen ich viel Zeit verbringen werde. Das nimmt viel Spannung.
Ich lese momentan viele Bücher und nehme Kontakt zu Experten auf dem Gebiet der Adivasi auf. Je länger ich mich mit dem Thema befasse, desto spannender, aber auch desto weitreichender wird es. Eine der größten Herausforderungen wird es sein, mich vor Ort auf den Erzählstrang zu konzentrieren.
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